Der digitalisierte Alltag

Mann im BĂĽro mit Tablet
© SBB CFF FFS

Die Digitalisierung ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Spätestens seit Beginn der Coronapandemie sind Homeoffice und sonstige flexible Arbeitsformen für viele Menschen Alltag geworden. Ute Klotz, Expertin für Digitalisierung, spricht darüber, wie man den digitalen Alltag meistert.

Ich bin früh aufgestanden an diesem Freitagmorgen. Nach einer gemütlichen Tasse Kaffee im Wohnzimmer setze ich mich in meinem Homeoffice an den Schreibtisch und tippe den Namen Ute Klotz ins Suchfeld bei Google. Nach der Recherche stecke ich die Kopfhörer ein, öffne Zoom und warte vor dem Bildschirm auf meine Interviewpartnerin. Ich prüfe mein Bild, stelle sicher, dass nichts Unprofessionelles im Hintergrund zu sehen ist. Zu sehen bin ich in meinem seriösen schwarzen Oberteil und meinem Bücherregal im Hintergrund – die Trainerhose voller Katzenhaare bleibt gut versteckt unter dem Tisch. Pünktlich um 10 Uhr verrät mir ein leises Pingen im Ohr: Ute Klotz ist da.

EIGENE GRENZEN DEFINIEREN

Nach zwei Jahren Pandemie ist ein solcher Morgen für viele Menschen wohl ganz normal, bringt aber auch einige Probleme mit sich. Wie trennt man die Arbeit vom Privaten, wenn man von zuhause aus arbeitet? Ute Klotz richtet die Frage gleich zurück an mich: «Wie machen Sie es, Frau Taglang, ziehen Sie sich morgens an oder arbeiten Sie im Pyjama?» Ich schiele mit einem schuldigen Lächeln auf meine Trainerhose hinunter und frage, wie man in einer digitalisierten Welt überhaupt noch eine Work-Life-Balance haben kann. «Für manche ist es eine bewusste Nicht-Trennung, andere versuchen, eine möglichst deutliche Trennung zu schaffen», sagt die Expertin. «Man muss eigenverantwortlich Grenzen definieren, sich selbst bewusst machen, was einem gut tut und was nicht.»

Genau hier steckt die Gefahr beim Thema Digitalisierung im Alltag: die Ausbeutungsfalle bei Menschen, denen es schwerfällt, sich abzugrenzen, die sich nicht trauen, das Handy nach Feierabend auszuschalten und nicht mehr in die E-Mails zu schauen. Ob hier nicht die Arbeitgeber:innen oder die Politik mehr Verantwortung übernehmen müssen? «Nicht unbedingt», findet Frau Klotz. «Die Digitalisierung im Alltag ist ein zweischneidiges Schwert: Sie bringt viele Risiken, aber auch Chancen mit sich. Wichtig ist, differenziert hinzuschauen, wo die Chancen sind und wer von ihnen profitieren könnte. Für den persönlichen Alltag gibt es keine Standardlösung; es braucht individuelle Aushandlungsprozesse und Absprachen.» In ihrer Forschungsarbeit interessiert sie sich vor allem für das, was sie als «Kippmomente» bezeichnet: «Ich verfolge die Frage, wann man Kompromisse macht. Wo sind die Momente, in denen zum Beispiel die Bequemlichkeit siegt und man sich gegen die persönlichen Grundsätze entscheidet?» Ute Klotz plädiert dafür, sich eigene Bedingungen und Grundregeln zu stellen, um die Digitalisierung im Alltag zu meistern. Aber mit Regeln kommen immer auch Ausnahmen, und diese stehen im Zentrum ihrer Forschung. Eine allgemeingültige Lösung – «one size fits all» – gibt es bei diesem Thema nicht.

INDIVIDUELLE ALLTAGSGESTALTUNG

Auch wenn beispielsweise im GAV SBB ein Recht auf Nichterreichbarkeit festgeschrieben ist, müssen die Mitarbeitenden mit ihren Vorgesetzten im Einzelfall selbst definieren, wie sie dies handhaben. Aber wie geht das? «Es ist zum Beispiel hilfreich, Antwortfristen für E-Mails auszuhandeln und Funktionen wie die Priorisierung in E-Mail-Programmen zu nutzen, um besser differenzieren zu können, was wirklich dringend ist und was warten kann», empfiehlt Ute Klotz. Doch auch hier gibt es keine einfache Lösung für alle. «Der digitalisierte Alltag zeichnet sich eben dadurch aus, dass es eine grosse Vielfalt an Möglichkeiten gibt», sagt sie. Es gibt nicht mehr den klassischen Stundenplan, der jede Woche gleich ist, wie man es aus der Schulzeit kennt. «Man muss lernen, einzuschätzen, wo man sich Freiheiten herausnehmen kann und was es bedeutet, bei diesem oder jenem Event nicht vor Ort zu sein. Es braucht einen gewissen Mut, auch mal etwas auszulassen – und das hat nichts mit fehlendem Engagement zu tun.»

Hierzu bietet Ute Klotz mit folgenden Fragen Hilfestellung: «Wo spielt die Digitalisierung in meinem Alltag eigentlich rein? Wie beeinflusst sie mich und wo sollte mir das zu denken geben? Welche Kompromisse bin ich bereit, einzugehen?» Es geht darum, sich der Digitalisierung im Alltag bewusster zu werden und zu lernen, wie man damit umgehen kann.

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